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Seit Tagen kreist die gesundheitspolitische Debatte um die telefonische Krankschreibung. Dahinter steht die alte, unerquicklich provokante Frage: Ist Deutschland ein Land der Blaumacher? Der Streit zieht sich durch Politik, Medien und sogar durch die Ärzteschaft selbst. Die einen warnen vor Missbrauch, die anderen verweisen auf eine spürbare Entlastung der Praxen.
Ein nüchterner Blick auf die Zahlen entlarvt das Ganze allerdings als das, was es ist: eine Scheindebatte. Gerade einmal 0,9 Prozent aller Krankschreibungen erfolgen telefonisch und ohne direkten Arztkontakt. Trotzdem hat es die Politik geschafft, eine ganze Woche lang so zu tun, als liege hier das Kernproblem unserer Wirtschaft.
Wenn wir ernsthaft über den hohen Krankenstand in Deutschland sprechen wollen, dann müssen wir differenzieren – zum einen zwischen Kurzzeit-Krankschreibungen und der großen Masse an Krankheitstagen aufgrund längerer Erkrankungen. Die Daten der Krankenkassen zeigen seit Jahren, dass beispielsweise psychische Erkrankungen deutlich zunehmen. Diese verursachen besonders lange Ausfallzeiten. Und hier geht es nicht um Arbeitsunlust oder „Krankmachen“, sondern um reale Belastungen, die Menschen krank machen.
Und darüber wurde in der vergangenen Woche nicht gesprochen. Wer den Krankenstand nachhaltig senken will, muss über Prävention, Arbeitsbedingungen und mentale Gesundheit reden – und darüber, warum wir genau dort seit Jahren zu wenig investieren.
Selbstverständlich ist auch eine ernsthafte Debatte um die Frage nach Karenztagen zulässig. Es gibt Länder, bei denen erste Krankheitstage zunächst einmal von den Beschäftigten selbst getragen werden müssen. Üblicherweise sind solche Karenztage in der Summe über das Jahr auch begrenzt, um eine Überforderung zu vermeiden. Deutschland hat im internationalen Vergleich viele Urlaubstage und eine relativ kurze Jahresarbeitszeit. Auch vor diesem Hintergrund wäre eine solche Diskussion vernünftig.
Die Debatte über den Krankenstand ist berechtigt. Aber solange wir sie an der falschen Stelle führen, kommen wir keinen Schritt weiter. Die entscheidende Frage lautet nicht: Wie verhindern wir Krankschreibungen? Sondern: Wie schaffen wir es, dass Menschen langfristig gesünder leben und arbeiten können?
Das wäre ein gesundheitspolitischer Beitrag zur Verbesserung der wirtschaftlichen Rahmenbedingungen.
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