von links: Mirko Papenfuß (Sana Kliniken AG), René Schubert (DKTIG), Marius Korte (DKG), Joachim Odenbach (DKG), Henriette Neumeyer (DKG), Hilmar Riemenschneider (KGNW), Robin Heber (DKI), Michael Mörsch (DKG), Michael Diekmann (AMEOS Holding AG), Nicole Schlottmann (DKG), Bernadette Rümmelin (kkvd), Sebastian Draeger (Verband der Universitätsklinika Deutschland), Marc Schreiner (Berl. KG), Dieter Barsch (ehm. Main-Kinzig-Kliniken), Eduard Fuchshuber (Bayr. KG), Jens Uwe Schreck (VKD)
Die Kommission Europa und internationales Krankenhauswesen der DKG hat in dieser Woche eine Studienreise nach Spanien unternommen, um vertieft das dortige Krankenhauswesen kennenzulernen. Die Kommission, angeführt von Marc Schreiner, Geschäftsführer der Berliner Krankenhausgesellschaft und Kommissionsvorsitzender, nahm zahlreiche Termine wahr, darunter Vorträge und Diskussionen im spanischen Gesundheitsministerium und dem Hospital Universitario Fundación Jiménez Diaz in Madrid. Als verantwortliches Vorstandsmitglied der DKG für EU-Politik vertrat Prof. Dr. Henriette Neumeyer die Krankenhäuser.
Anders als in Deutschland sind das Gesundheitssystem und damit auch die spanischen Krankenhäuser formal zentralistisch organisiert. Für die konkrete Ausgestaltung der Versorgung, Planung und Vergütung von Krankenhausleistungen wird aber auf ein System autonomer Planung mit Berücksichtigung regionaler Besonderheiten gesetzt, so auch bei Qualitätsvorgaben, Normen und Therapievorschlägen, die konsensual in der Debatte mit Praktikern aller Ebenen entwickelt werden. Mit nur 449 Krankenhäusern und 115.000 Betten bei 48 Millionen Einwohnern ist die Dichte der Krankenhausversorgung in Spanien weit von deutschen Standards entfernt (1893 Kliniken mit rund 480.000 Betten). Die Folgen dieser geringen Kapazitäten waren während der Corona-Pandemie in dramatischer Weise sichtbar geworden. Allerdings behandeln spanische Krankenhäuser weitaus mehr ambulante Fälle als deutsche. Diese Fälle hätten in den vergangenen Jahren stark zugenommen, erklärte Christina Sanz, Technical Advisor for Health Information. Ganz anders als in Deutschland sei aber auch die Zahl der stationären Fälle nach dem Ende der Pandemie nahezu auf dem Niveau von 2019. Mit überfüllten Notaufnahmen hätten auch die spanischen Krankenhäuser zu kämpfen.
Große Unterschiede gibt es bei der Situation der Pflegekräfte. In Spanien ist die Pflege-Ausbildung akademisiert. Pflegekräfte können an 180 öffentlichen und privaten Hochschulen im Land ihr Studium absolvieren. In Spanien sei es daher nicht nötig, für den Pflegeberuf zu werben, erklärt Pilar Aparico vom spanischen Gesundheitsministerium, zuständig im General Directorate for Public Health and Health Equality für Spanish National Healthcare System Quality. Im Gegenteil, angehende Pflegekräfte gingen wie auch Mediziner durch einen Aufnahmetest mit konkreten Mindestanforderungen, um überhaupt ein Studium aufnehmen zu können. Der Pflegeberuf habe ein sehr hohes Ansehen. Trotzdem arbeite die Regierung weiter daran, den Pflegeberuf und seine Attraktivität zu stärken, erklärte Ministeriumsmitarbeiterin Celia Gómez, General Director for Health Professions Regulation. Dabei geht es unter anderem um flexiblen Renteneintritt, mehr Studienplätze und ein Gesetz zur Eindämmung der Zeitarbeit. Ein Erfolg sei, dass Pflegebeschäftigte normalerweise ein Arbeitsleben lang im Beruf blieben. In Zukunft ginge es aber wie in Deutschland auch darum, die Gesundheitsberufe besser miteinander zu verzahnen und Aufgaben im Sinne effizienten Arbeitskräfteeinsatzes zwischen den Berufsgruppen zu koordinieren.
Nicht zuletzt sei das Gesundheitssystem auch eine zentrale Säule der Demokratie, erklärte Pilar Aparico. Das sei in Spanien nicht anders als in Deutschland.
Das Hospital Universitario Fundación Jiménez Diaz gehört zur Gruppe Quirónsalud und Helios und wurde der Kommission von Javier Arcos Campillo, dem General Manager und medizinischen Direktor vorgestellt. Die Klinik ist ein öffentliches Krankenhaus mit einem Versorgungsauftrag für 500.000 Einwohner. Seit 2011 ist aber die freie Krankenhauswahl möglich. Das in Spanien praktizierte Capitationsmodell sei Anreiz für Prävention. Und die Warteliste sei die wichtigste Entscheidungshilfe für Patienten.
All dies führt natürlich auch dazu, dass Krankenhäuser versuchen, ihre Versorgung effizienter zu gestalten und gleichzeitig die Qualität zu optimieren. Die Maßnahmen steuern sie anhand patientenorientierter Kennzahlenmodelle selbst. Ein Beispiel nannte Christina Carames Sanchez, Unternehmensdirektorin für Unterstützung und Forschung:
Bei einem Onkologie-Patienten werden durch integrierte Versorgungsstruktur viele lange Wartezeiten im Laufe der Behandlungsabfolge vermieden. Mit Ankunft im Krankenhaus kümmert sich sofort eine Pflegekraft um den Patienten. Ihm wird sofort Blut abgenommen, und in den drei Minuten Wartezeit auf das Ergebnis des Point-of-care-Systems gehen Patient und Pflegekraft einen standardisierten und verpflichtenden Fragebogen durch. Ist nach Maßgabe des von Medizinern validierten Assessments alles in Ordnung, kann die Pflegekraft auf ein vorbereitetes Rezept zurückgreifen. Nach wenigen weiteren Minuten, in denen die patientenindividuelle Rezeptur von der Krankenhausapotheke ein Stockwerk entfernt hergestellt wurde, hat der Patient sein Medikament und die Chemotherapie kann erfolgen. Der Patient ist vollständig in kürzester Zeit versorgt, ohne dass überhaupt ein Arztkontakt zustande gekommen ist. Medizinisches Personal kann sich so vollständig um kompliziertere Fälle kümmern, ist aber jederzeit in Rufweite, wenn Rücksprachen notwendig sind. Grundlage dafür ist nicht nur bestens ausgebildetes Pflegepersonal, sondern ein gutes Vertrauen und Teamwork zwischen ÄrztInnen und den pflegerischen KollegInnen. Die beste Investition zur Kostenreduzierung sei immer Investition in Qualität, sagte Victor Madera, der Geschäftsführer von Quirónsalud.
Auch die Möglichkeiten der Digitalisierung können spanische Krankenhäuser besser nutzen als deutsche. So gibt es telemedizinische Notaufnahmen, die die Krankenhäuser entlasten. Im Behandlungsraum befindet sich eine Pflegekraft, die die Anfrage weiter delegiert. Jeder Arzt der Klinikgruppe kann dann die Behandlungsanfrage annehmen, wodurch sich sogar Homeoffice für medizinische Berufe anbietet. Erst wenn es medizinisch notwendig wird, kann ein Arzt vor Ort den Patienten betreuen. In Deutschland (fast) unvorstellbar.
Generell ist die Digitalisierung im spanischen Gesundheitssystem weiter vorangeschritten als in Deutschland. Bei der Digitalisierung gehe es nicht nur darum, über Innovation zu sprechen, sondern immer über Innovation und Transition, sagte Prof. Dr. Ralf Kuhlen, Chief Medical Officer bei Helios Health.
Weitere große Themen sind Klimaschutz und Nachhaltigkeit. Gerade in Spanien sind Wasserknappheit und energieeffizientes Kühlen wichtig. Die spanischen Krankenhäuser leiden aber nicht nur unter den klimatischen Bedingungen. Gleichzeitig nutzen sie zu einem großen Teil Sonnenenergie. So gewinnt das Krankenhaus von Palma de Mallorca 20 Prozent seines Energiebedarfs aus der Photovoltaik.
Hervorragend organisiert wurde die Studienreise durch die Mitarbeitenden des Geschäftsbereiches Krankenhauspersonal und Politik der DKG, Marius Korte und Simone Göhs.