von Prof. Dr. Henriette Neumeyer, stellv. Vorstandsvorsitzende der DKG
Deutschland ist der größte Zuckerproduzent Europas. Rund fünf Millionen Tonnen werden jedes Jahr auf deutschen Ackerflächen angebaut und in den Raffinerien verarbeitet. Zucker ist ein erheblicher Wirtschaftsfaktor, gerade da, wo die Wirtschaftskraft sonst eher schwach entwickelt ist. Doch Zucker hat eben nicht nur eine wirtschaftliche, sondern auch eine gesundheitspolitische Dimension. Denn wie so oft gilt auch hier: Die Dosis macht das Gift. Zucker beziehungsweise Glucose ist für den menschlichen Körper kein verzichtbarer Stoff. Insbesondere das Gehirn ist darauf angewiesen; nur in langen Hungerphasen kann der Organismus überhaupt auf Ersatzstoffe ausweichen. Zucker ist also nicht per se ein Feind, sondern ein essenzieller Bestandteil unserer Ernährung. Problematisch wird er dort, wo aus notwendiger Versorgung ein dauerhaftes Übermaß wird. Schätzungsweise elf Millionen Menschen leiden in Deutschland an Diabetes Typ 2, jährlich erkrankt rund eine halbe Million neu. Mehr als bedenklich ist dabei die stetig steigende Zahl neuerkrankter Jugendlicher und junger Erwachsener. Die WHO rät Erwachsenen zu nicht mehr als 50 Gramm „freien“ Zucker pro Tag. Für Kinder soll es sogar höchstens die Hälfte sein. Wer in einen Supermarkt geht, merkt schnell, dass diese 50 Gramm nur sehr schwer einzuhalten sind. Erwachsenen reicht ein halber Liter Limonade oder Saft, Kinder haben schon mit einem Becher industriellen Fruchtjoghurts oder einer Handvoll Gummibärchen ihr Limit erreicht. Hinzu kommt der versteckte Zucker in zahlreichen hochverarbeiteten Lebensmitteln.
Die WHO hat bei Diabetes schon vor Jahren eine weltweite Pandemie ausgerufen. Immer mehr Länder reagieren darauf mit einem simplen Mittel: Sie besteuern stark zuckerhaltige Lebensmittel. Im Fokus sind dabei die besonders schädlichen Softdrinks. Mit ihnen nehmen die Konsumenten in kürzester Zeit riesige Mengen Zucker auf. Besonders fatal ist, dass die Hersteller in diesem Segment auf Kinder abzielen, die mit Softdrinks unbewusst mehr als das Fünffache der verträglichen Menge Zucker täglich zu sich nehmen können. Die Finanzkommission zur Sicherung der GKV-Mittel hat nun unter anderem vorgeschlagen, auch in Deutschland eine solche Zuckersteuer einzuführen. Weniger, um die Kassen zu füllen, mehr um die Zahl der teuren Behandlungen und Arzneimittel in der Zukunft zu reduzieren.
Wenn eine Zuckersteuer präventionsorientiert gestaltet ist, wird sie funktionieren. Denn der Vorteil einer solchen Steuer wäre, dass sie gar nicht erst anfällt. Dort, wo es sie gibt, hat sie mit einfachen Marktmechanismen dafür gesorgt, dass sich der Zuckergehalt in Softdrinks drastisch verringert hat. Hohe Zuckeranteile führen zu höheren Preisen als bei der Konkurrenz mit geringeren Konzentrationen. Wer teurer am Markt ist, verliert. Sollte die Bundesregierung dem Vorschlag der GKV-Finanzkommission folgen und eine solche Steuer einführen, muss klar sein, dass diese nicht den Zweck hat, mehr Einnahmen zu generieren. Einen solchen Systemfehler zeigt bereits die Tabaksteuer, die über die Jahre ihrer Existenz immer nur in kleinen Schritten erhöht wurde, so dass es nie zu wirklich spürbaren Preiserhöhungen kam. Eine ähnlich konzipierte Zuckersteuer, die z.B. schrittweise eingeführt wird oder erst ab hohen Grenzwerten fällig wird, hätte keine präventive Wirkung.
Seit 2018 geht Deutschland den Weg der freiwilligen Selbstverpflichtung der Industrie, den Zuckergehalt in Lebensmitteln zu verringern. Das Ergebnis: Nach sieben Jahren ist der durchschnittliche Zuckergehalt um ganze zwei Prozent gesunken. Und trotzdem sind die Signale aus der Politik verhalten: Gesundheitsministerin Nina Warken hatte erst im Januar einer Zucker- und Alkoholsteuer eine klare Absage erteilt. Ihre Bundestagsfraktion hält die ablehnende Haltung aufrecht. Die Begründungen sind altbekannt: Man wolle auf „Eigenverantwortung“ und Aufklärung setzen. Dass das allein überhaupt nicht funktioniert, zeigt unter anderem der anhaltende Anstieg von Typ-2-Diabetes mit rund 450.000 Neuerkrankungen pro Jahr. Der Umgang mit Zucker ist eben nicht nur eine Frage bewusster Entscheidung. Das Gehirn ist auf Glucose angewiesen und verlangt daher nach schneller Energiezufuhr – mehr als der Körper braucht. In einer Umgebung, in der hochverarbeitete Zuckerprodukte jederzeit verfügbar sind, wird Überkonsum daher zusätzlich begünstigt. Erschwerend kommen mangelnde Gesundheitsbildung und eine aggressiv werbende Lebensmittelindustrie hinzu, die eigenverantwortliches Handeln zusätzlich erschweren. Und es wird nicht besser. Im Gegenteil, die wachsende Menge an Desinformation in den sozialen Medien, gerade zu Ernährungsthemen, und der allgemeine Vertrauensverlust in Wissenschaft und öffentliche Kampagnen verschärfen die Problematik.
Es bleibt also der Appell an die Politik, nicht nur auf die wirtschaftliche Bedeutung der Zuckerproduktion in Deutschland zu achten, sondern endlich mit einer Zuckersteuer verantwortungsvoll in Richtung präventionsorientierter Gesundheitspolitik zu gehen. Wenn unser Gesundheitssystem bezahlbar und trotzdem so allumfassend wie heute bleiben soll, führt kein Weg darum herum, Krankheiten und damit Behandlungen von Anfang an zu vermeiden. Dafür muss der Konsum nachweislich schädlicher Stoffe eingedämmt werden.