Wieder einmal wird mit großer Aufregung über Teilzeit diskutiert. Und wieder einmal ist die Debatte geprägt von Schlagworten, Unterstellungen und Empörung – statt von einer nüchternen Betrachtung der Realität.
Denjenigen, die Veränderungen fordern, wird pauschal unterstellt, sie wollten Teilzeitarbeit per se abschaffen. Das ist schlicht falsch. Umgekehrt wird mit Begriffen wie „Lifestyle-Teilzeit“ das Arbeiten in Teilzeit insgesamt verunglimpft – und damit auch die vielen Menschen, die aus guten Gründen weniger Stunden arbeiten.
Dabei hat die Debatte einen ernsten Kern. Der Fachkräftemangel ist real – in allen Bereichen, besonders aber im Krankenhaus. Es ist richtig und sinnvoll, möglichst viele Menschen für eine vollzeitnahe Beschäftigung zu gewinnen. Das stabilisiert die Versorgung, entlastet die Teams und ist am Ende auch im Interesse der Beschäftigten selbst, etwa mit Blick auf die soziale Absicherung und die spätere Rente.
Zur Wahrheit gehört aber ebenso: In vielen Fällen sind die Rahmenbedingungen schlicht nicht so, dass Vollzeitarbeit realistisch möglich wäre. Fehlende oder unzureichende Kinderbetreuung, ungleiche Verteilung von Sorgearbeit in den Familien, ehrenamtliches Engagement – all das sind Gründe, die eine Reduzierung der Arbeitszeit notwendig oder sinnvoll machen. Dass Teilzeitarbeit für viele daher objektiv zumindest in einer gewissen Phase notwendig ist, ist anzuerkennen.
Gerade im Krankenhaus sehen wir diese Realität täglich. Ein großer Teil der Beschäftigten arbeitet in Teilzeit – und wir sind über jede einzelne Fachkraft froh. Natürlich wünschen wir uns, dass mehr Menschen ihre Arbeitszeit ausweiten. Gleichzeitig wissen wir: Der hohe körperliche und psychische Anspruch ist oft selbst der Grund dafür, dass Beschäftigte ihre Stunden reduzieren.
In dieser Debatte muss es auch erlaubt sein, offen darüber zu sprechen, ob freiwillig und aus Gründen der Work-Life-Balance gewählte Teilzeit sich langfristig in der sozialen Absicherung widerspiegelt – und welche Konsequenzen das für die Betroffenen selbst und für die Solidarsysteme hat. Genauso gehört auf den Tisch, ob und in welchem Umfang Arbeitgeberrechte, etwa durch Minijobs oder andere Formen geringfügiger Beschäftigung, begrenzt werden müssen. Diese Fragen sind legitim und notwendig. Sie taugen aber nicht für moralische Empörung.
Wenn die aktuelle Debatte etwas Gutes haben soll, dann dies: Sie sollte Anlass sein, ernsthaft darüber zu sprechen, wie wir Arbeitsbedingungen schaffen, die es Menschen tatsächlich ermöglichen, gerne und dauerhaft vollzeitnah zu arbeiten. Und wie wir ein gerechtes Gleichgewicht zwischen Vollzeit, Teilzeit und Work-Life-Balance finden.
Das gelingt nicht mit polarisierten Schlagworten und verkürzten Schuldzuweisungen – sondern nur mit einer ehrlichen Debatte über die Realität in der Arbeitswelt und insbesondere im Krankenhaus.