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Fast täglich wird in Deutschland eine Frau getötet oder wird Opfer eines Tötungsversuchs. 308 zumindest versuchte Tötungsdelikte an Frauen, die in die Kategorie „Femizid“ fallen, zählte das BKA 2024. Alle drei Minuten erlebt eine Frau in Deutschland Gewalt. 77,7 Prozent der Tatverdächtigen sind Männer. Diese Gewalttaten haben eines gemeinsam: Frauen werden zu Opfern, einzig weil sie Frauen sind. Am häufigsten sind Taten nach einer Trennung. Die medial im Vordergrund stehenden „Ehrenmorde“ machen nur einen Bruchteil der Tötungsdelikte aus. Die überwiegende Zahl der Übergriffe findet jenseits öffentlicher Aufmerksamkeit hinter verschlossenen Türen in der privaten Wohnung statt. Generell sind mehr als 70 Prozent der Opfer häuslicher Gewalt weiblich. Die Forschung sieht ein Grundmotiv bei den Taten: Im Wesentlichen trifft es Frauen, die sich emanzipieren wollen.
Betroffen ist die Pflege
Am Dienstag hat die Welt den Tag zur Beseitigung von Gewalt gegen Frauen begangen und darauf aufmerksam gemacht, dass die eine Hälfte der Bevölkerung weitaus stärker von Gewalt und gänzlich anderen Gewalt-Strukturen betroffen ist als die andere. Auch Gewalt im Krankenhaus sorgt immer wieder für Schlagzeilen. Eine neue Studie des Deutschen Krankenhausinstituts zeigt, dass das Problem wächst: Krankenhäuser verzeichnen Jahr für Jahr mehr Übergriffe. Und auch im Krankenhaus sind überwiegend Frauen betroffen. Das Perfide: Frauen leisten noch immer den mit Abstand größten Teil nicht nur der unbezahlten privaten, sondern auch der beruflichen bezahlten Care-Arbeit, und genau das bringt sie ins Visier der Täter. In der Pflege sind vier von fünf Beschäftigten weiblich, in diesem Bereich gibt es besonders häufig Übergriffe. Gewalttäter in der Notaufnahme treffen fast immer zuerst auf Frauen und damit auf diejenigen, die sich auch im Beruf dafür entschieden haben, anderen Menschen zu helfen und Schwächere zu unterstützen.
Taten müssen Konsequenzen haben
Und es gibt eine weitere erschreckende Parallele zwischen den Übergriffen im Privaten und denen im Krankenhaus: Nur ein Teil der Betroffenen erstattet Anzeige gegen die Täter. Stehen Frauen bei häuslicher Gewalt in psychischer, körperlicher und letztlich häufig auch finanzieller Abhängigkeit zum Täter, herrscht bei gewalttätigen Übergriffen im Krankenhaus oft Ernüchterung vor: Warum sich neben der ohnehin fordernden Arbeit den bürokratischen Aufwand einer Strafanzeige mit all den Formularen und Zeugenvernehmungen antun? Viel zu oft haben die Betroffenen nicht nur das Gefühl, sondern machen auch die Erfahrung, dass dieser Aufwand in eingestellte Verfahren oder Minimalstrafen führt, ohne dass sich die Situation verbessert. Hier muss sich dringend etwas ändern. Die DKG fordert nicht nur die strafrechtliche Gleichstellung der Taten gegen Krankenhausbeschäftigte mit Übergriffen gegen Einsatzkräfte – hier wird bereits härter bestraft – sondern auch eine funktionierende Justiz und konsequente Verfolgung der Taten. Künftige Täter müssen abgeschreckt werden. Vor allem aber benötigen die Betroffenen der Gewalt das Signal, dass sie nicht allein gelassen werden. Vielleicht gibt es ja zum Anti-Gewalt-Tag im kommenden Jahr schon etwas mehr als geäußerte Betroffenheit und Aufrufe zum Handeln.
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