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Kommentar des DKG-Vorstandsvorsitzenden Dr. Gerald Gaß
Aus dem Chor der Wortmeldungen zur Sozialstaatsreform etwas Konkretes herauszuhören, ist derzeit gar nicht so leicht. Gerade in der Bürgergeld-Frage, aber auch bei Gesundheit und Pflege, sind die Äußerungen teilweise schrill und der schnellen Aufmerksamkeit geschuldet.
Dabei zeigt sich die Situation in der Gesundheitsversorgung dramatisch: Die Beiträge der gesetzlich Versicherten sind in den vergangenen Jahren so stark gestiegen, dass längst die Grenze des Zumutbaren erreicht ist. Es bedarf dringend wirksamer Reformen. Vor allem die alte Praxisgebühr, die seinerzeit nichts anderes als Bürokratie für Praxen und Belastung für die Patientinnen und Patienten erzeugte, taucht in unterschiedlicher Form als Wiedergänger in den Debatten auf.
Die Zahl der Arztkontakte pro Einwohner liegt in Deutschland weit über dem europäischen Durchschnitt. Das liegt einerseits an einer besonders alten Gesellschaft, auch an der ausgeprägten Sektorentrennung, andererseits an zahlreichen Fehlsteuerungseffekten. Auch Länder mit ähnlich hochwertiger und flächendeckender Gesundheitsversorgung, etwa in Skandinavien, weisen deutlich weniger Arztkontakte auf.
Dass es ein Problem mit Ärztehopping, Mehrfachuntersuchungen und mangelnder Patientensteuerung gibt, ist unbestritten. Hier anzugreifen, wird unausweichlich sein. Ein Primärarztmodell, das sinnvolle Ausnahmen zum Beispiel für chronisch Kranke kennt, kann eine Lösung sein, sofern es unbürokratisch ist und nicht zu Mehrbelastungen etwa durch unnötige Überweisungen führt. Wenn man bereits Monate auf den Hausarzttermin warten muss, um sich dort eine Überweisung für den Facharzttermin zu besorgen, auf den man noch einmal Monate warten muss, ist nichts gewonnen. Nicht vergessen darf man dabei die vielen Menschen, die gar keinen Hausarzt mehr haben, weil sie keinen finden. Wer sich daran gewöhnt hat, im Akutfall mangels Alternative direkt in die nächste Krankenhaus-Notaufnahme zu gehen, wird ein Primärarztmodell nicht nutzen können. Hier nützt es nichts, über vermeintliche „Überversorgung“ zu klagen, wenn tatsächlich die reale Unterversorgung in vielen Regionen das Problem und der Kostentreiber ist. Nicht zielführend sind allerdings finanzielle Hürden jeglicher Art. Viel zu groß ist die Gefahr, dass Praxisgebühren und ähnliche Modelle vor allem wirtschaftlich schwache Menschen vor Arztbesuchen abschrecken und sich Erkrankungen dann verschlimmern. Wer meint, die vermeintlich vorübergehenden Bauchschmerzen aushalten zu müssen statt den Arzt aufzusuchen, landet vielleicht mit einem komplizierten Blinddarmdurchbruch direkt in der Notaufnahme mit entsprechenden Risiken und letztlich Mehrkosten für das System.
Auch Zuschläge für den „eigenmächtigen“ Facharztbesuch sind nicht sinnvoll und zementieren Ungerechtigkeiten, die viele Patientinnen und Patienten ohnehin schon spüren. Wer es sich leisten kann, darf das Gesundheitssystem weiter unnötigerweise belasten – das ergibt gesundheitsökonomisch keinen Sinn, birgt aber jede Menge sozialen Sprengstoff.
Wir benötigen bessere Patientensteuerung in allen Bereichen des Gesundheitssystems. Die kommende Reform der Notfallversorgung kann unter anderem dazu beitragen. Viel zu oft gelangen hilfesuchende Menschen in die falsche Behandlungsschiene, sei es mit einem Bagatellfall in der Notaufnahme, weil die Praxis keine neuen Patienten aufnimmt, oder auf einem Irrweg durch die Facharztpraxen, weil man als medizinischer Laie allein gelassen wird.
Und nicht zuletzt gibt es ein simples Konjunkturprogramm, das nicht nur kostenlos, sondern sogar Milliarden einspart, die Versorgung der Menschen schlagartig verbessert und für bessere Arbeitsbedingungen bei den Beschäftigten sorgt: konsequente Entbürokratisierung. Je nach Studienlage verursacht die Bürokratie in Deutschland einen wirtschaftlichen Schaden von rund 150 Milliarden Euro jährlich. Einen Teil davon müssen auch die Krankenhäuser tragen. Drei Stunden müssen Pflegekräfte, Ärztinnen und Ärzte täglich mit Bürokratie zubringen. Die Kosten für diese Zeit, in denen sie bei ihrer eigentlichen Arbeit am Patienten fehlen, tragen letztlich die Versicherten. Einen Mehrwert haben sie durch die überbordenden Dokumentationspflichten hingegen nicht. Statt Debatten über Leistungskürzungen und zusätzliche Kosten für die Versicherten sollte die Politik hier ansetzen, und einen völlig außer Kontrolle geratenen teuren Wasserkopf abbauen.
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