von Dr. Gerald Gaß, Vorstandsvorsitzender der DKG
Was für uns eine erfreuliche Nachricht ist, stellt für die Tabakindustrie ein echtes Problem dar: Für Jugendliche und junge Erwachsene sind klassische Zigaretten schon seit vielen Jahren kein Thema mehr. Die Raucherquoten unter Kindern und Jugendlichen gehen in den Keller. Das Geschäftsmodell der Tabakbranche, Kinder und Jugendliche in die Abhängigkeit zu treiben und als lebenslange Kunden zu sichern, gerät ins Wanken. Die Industrie reagierte mit einer Flut von bunten speziell auf Jugendliche zugeschnittenen Vapes. Das neueste Produkt sind nun tabakfreie Nikotinbeutel, die unter die Lippe geklemmt werden. Über attraktive Aromatisierung bringt die Tabakindustrie so den Gift- und Suchtstoff Nikotin unter die jungen Menschen. Kein Gestank, kein Rauch, kein Mundgeruch – die Beutel aus den bunten Dosen sollen maximal attraktiv für die junge Zielgruppe sein. Ebenso maximal attraktiv ist das Geschäftsmodell: Die Gewinnspanne ist weitaus größer als bei klassischen Zigaretten. Vor allem aber ist es maximal perfide. Einem Produkt wird ohne Not ein Suchtstoff beigemischt, um die Kunden physisch und psychisch davon abhängig zu machen und immer wieder zum Kauf zu bewegen. Nikotin ist verantwortlich für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, es verengt die Blutgefäße und fördert die Entstehung von Tumoren. Kaum ein Nikotinabhängiger bleibt in seinem (verkürzten) Leben von den Folgen der Substanz verschont. Derweil lobbyiert die Tabakindustrie nach Kräften: Die Nikotinbeutel hätten großes Potential zur Schadensminderung, und natürlich dürfe die Politik bei der Zulassung nicht zögern, so ihr Lobbyverband.
Die aromatisierten Nikotinbeutel müssen in Deutschland weiter verboten bleiben. Noch wünschenswerter wäre ein EU-weites Verbot ähnlich wie beim Snus, das lediglich in Schweden legal ist. Die Tabakindustrie ist eine gesundheitsschädliche Branche, ihre Produkte verursachen viel menschliches Leid und nicht zuletzt unserem Gesundheitssystem hohe Kosten. Sie produziert noch nicht einmal ein Genussmittel. Ein Nikotinabhängiger unterdrückt mit den Produkten der Tabakindustrie lediglich Entzugserscheinungen, die ein gesunder Mensch nicht hat. Der Gesetzgeber hat die Aufgabe, diese Branche so intensiv wie möglich zu regulieren: Jedem Versuch der Tabakindustrie, ihren Sucht- und Giftstoff mit neuartigen Produkten weiter zu vermarkten, muss sie einen Riegel vorschieben. Aber auch traditionellen Zigaretten und Tabakprodukten muss er endlich mit spürbaren Steuererhöhungen in einem Schritt, Verringerung der Verfügbarkeit und konsequent durchgesetzten Rauchverboten begegnen. Hier gibt es in Deutschland noch viel zu tun. Auf der maßgeblichen Tabakkontrollskala ist Deutschland 2025 zwar innerhalb eines Jahres um neun Plätze aufgestiegen, bleibt aber mit Rang 25 von 37 im letzten Drittel der europäischen Länder.
Deswegen unterstützen wir als DKG gemeinsam mit 62 anderen Verbänden und Organisationen den Aufruf an die Politik, Nikotinbeutel in Deutschland nicht zuzulassen.