von Dr. Gerald Gaß, Vorstandsvorsitzender der DKG
Der Geschäftsklima-Index des ifo-Instituts ist der bekannteste Parameter zur Bewertung der aktuellen wirtschaftlichen Lage in Deutschland. Mit einem Wert von aktuell minus 32,7 weist dort der Einzelhandel das schlechteste Geschäftsklima unter allen vom Institut untersuchten Wirtschaftszweigen auf. Onlinehandel und Inflation machen der Branche zu schaffen. Arbeitsplatzverluste und sterbende Innenstädte haben bereits zu Krisengipfeln in der Politik geführt.
Beim Krankenhaussektor scheint die Sorge der politisch Verantwortlichen geringer. Im aktuellen Krankenhaus-Konjunkturbarometer des Deutschen Krankenhausinstituts, das nach ifo-Methodik ebenfalls einen Geschäftsklima-Index berechnet, kommen die deutschen Krankenhäuser auf den Negativ-Rekordwert von minus 51, noch weit unter dem hart angeschlagenen Einzelhandel. Krisengipfel und Notprogramme gibt es trotzdem nicht, im Gegenteil. Allein fünf Milliarden Euro werden dem Krankenhaussektor im kommenden Jahr durch das Spargesetz entzogen – Geld, das die Kliniken schon längst nicht mehr haben. Einsparungen werden schwierig bis unmöglich, denn nur 14 Prozent der Kliniken schätzen ihre wirtschaftliche Lage als gut ein. Der überwiegende Teil sieht sich in einer schlechten Lage und erwartet weitere Verschlechterungen.
Möglicherweise debattieren die Verantwortlichen noch darüber, ob die Warenversorgung des Einzelhandels oder die Gesundheitsversorgung der Krankenhäuser gesamtgesellschaftlich wichtiger und damit schützenswerter ist. Aber auch neben ihrer Bedeutung für die Daseinsvorsorge hat die Krankenhausbranche mit rund 1,4 Millionen Beschäftigten großen Einfluss auf die Volkswirtschaft, weit größer als zum Beispiel die deutsche Automobilindustrie. Viele Krankenhäuser haben bereits angekündigt, die erheblichen Budgetkürzungen nicht nur mit Angebotseinschränkungen, sondern auch mit Entlassungen ausgleichen zu müssen.
Damit sich der katastrophale Geschäftsklima-Index der Krankenhausbranche wenigstens mittelfristig erholt, muss einiges geschehen. Wir brauchen Strukturreformen im Gesundheitswesen. Es gibt viele deutsche Eigenheiten, die die Versorgung ineffizient und teuer machen, ohne dass es den Patientinnen und Patienten nutzen würde: Ärztemarathons, Mehrfachuntersuchungen, doppelte Facharztschiene, strenge Sektorentrennung und vieles mehr. Vor allem aber kann die Bundesregierung schnell dazu beitragen, die Härten der Kürzungen etwas abzufedern. Der neue Gesundheitsminister Carsten Linnemann hatte erst im April seinen Drei-Punkte-Plan für Bürokratieabbau vorgelegt. Gleich der erste Punkt forderte „Dokumentationspflichten aussetzen“. Diesen Plan kann er nun als Minister zügig und wirkungsvoll umsetzen. Natürlich wollen wir weiterhin medizinisch und pflegerisch Notwendiges dokumentieren. Den unüberschaubaren Berg überflüssiger Bürokratie, Mehrfachdokumentation und Datenerhebung für den Papierkorb gilt es aber so schnell wie möglich abzubauen. Das würde erheblich Kosten sparen, ohne Versorgung einschränken zu müssen. In die gleiche Richtung geht unsere Forderung nach Deregulierung. Angesicht der heute schon knappen und weiter sinkenden Erlöse müssen wir endlich wieder die Hoheit über die Prozesse und die Organisation im Krankenhaus erhalten. Die Verantwortlichen in den Kliniken wissen, wo Ressourcen effizient eingesetzt werden können. Man muss ihnen dazu nur wieder die Verantwortung übertragen.