von Dr. Gerald Gaß, Vorstandsvorsitzender der DKG
Die Gesundheitspolitik in Deutschland ist stellenweise wirklich paradox. Immer wieder mahnen Krankenhäuser und Ärzte zu weniger Bürokratie und Regulierung. Das würde nicht nur viel Geld sparen, sondern auch täglich Millionen wertvolle Stunden Arbeitszeit von Ärztinnen und Ärzten wie Pflegekräften freisetzen. Während die Politik sich der Entbürokratisierung bei den Leistungserbringern aber standhaft verweigert, lässt sie einen Bereich weitgehend außer Acht, der gar nicht genug reguliert werden kann: die Tabakindustrie. Rund 130.000 Menschen sterben jedes Jahr direkt an den Folgen des Rauchens, jede fünfte Krebserkrankung ist auf Rauchen zurückzuführen, Lungenkrebs ist die zweithäufigste Krebsart, obwohl die meisten Erkrankungen vermeidbar wären. Hinzu kommen Herz- und Kreislauferkrankungen und generell ein hoher Leidensdruck der oft lebenslang abhängigen Nikotinsüchtigen. Tabak- und Nikotinprävention wäre ein wichtiger Baustein um die GKV-Finanzen zu stabilisieren, Gesundheitskosten zu senken und die Lebensqualität von Millionen Menschen zu verbessern.
Dennoch bleibt Deutschland in Sachen Tabakprävention im europäischen Vergleich auf einem hinteren Platz. Auf der Tabakkontrollskala – ein Index, der Präventions- und Kontrollmaßnahmen abbildet – belegt Deutschland Platz 34 von 37 und landet damit noch hinter klassischen Starkrauch-Ländern wie Bulgarien oder der Ukraine. Die Raucherquote in Deutschland liegt deutlich über den Werten nord- und westeuropäischer Länder, Tabakprodukte sind allgegenwärtig verfügbar, Rauchen ist gesellschaftlich akzeptiert, Rauchverbote werden selten durchgesetzt. Wie die neuesten Daten zum Weltnichtrauchertag an diesem Sonntag zeigen, schaut der Staat aber vor allem dann weg, wenn die Tabakindustrie mit neuen Produkten junge Erstkonsumenten abhängig macht. Gegen den Trend werden in Deutschland seit kurzem wieder mehr Kinder und Jugendliche zu Rauchern, obwohl es jahrelang so aussah, als ob Tabak bei jungen Menschen kein Thema mehr ist. Verantwortlich dafür sind vor allem nikotinhaltige Vapes, die gezielt mit Aromen und bunten Designs junge Menschen werben. Noch perfider sind die jüngst auf den Markt geworfenen tabakfreien aromatisierten Nikotinbeutel. Den Konsumenten schmecken sie fruchtig, während der hinzugefügte Suchtstoff Nikotin in die lebenslange Abhängigkeit führt. Wir haben hier also eine Industrie, deren Geschäftsmodell darin besteht, Menschen mit zugesetzten Stoffen physisch und psychisch von ihren Produkten abhängig zu machen und sich so lebenslange Käufer zu sichern. Der Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Hendrik Streeck, hatte erst jüngst gefordert, die Tabakindustrie endlich stärker zu regulieren, Produkte einzuschränken und den immer neuen Marketingideen Grenzen zu setzen. Es gibt keinen vernünftigen Grund, dies nicht zu tun. Die Politik scheint das aber anders zu sehen und hält sich in Sachen Tabak-Regulierung weiter zurück.
Dabei zeigt der Blick ins Ausland wieder einmal, wie es besser ginge. Ein nachweislich wirksames Mittel sind etwa Einheitsverpackungen, die den Nikotinprodukten das attraktive Design nehmen. Zahlreiche Länder schreiben bereits Packungen in hässlicher Einheitsfarbe und ohne Markenlogo vor. Auch Preiserhöhungen haben sich nachweislich bewährt. Hier ist Deutschland bislang den Weg der Salamitaktik gegangen und hat die Tabaksteuer über die Jahre in so kleinen Schritten erhöht, dass der Preisschock-Effekt an der Kasse ausblieb. Vor allem aber haben uns viele andere Länder die gesellschaftliche Ächtung des Rauchens voraus. Wo Tabak nur in wenigen Spezialgeschäften erhältlich ist, Rauchverbote konsequent umgesetzt werden und Rauchen als krankhaftes Verhalten anerkannt ist, fällt es den Betroffenen weitaus leichter, mit dem Konsum aufzuhören und lindert die Lust bei jungen Menschen, anzufangen. In Deutschland gibt es die attraktiven bunten Päckchen an der Supermarktkasse und in jedem Kiosk zu kaufen. Der Zigarettenautomat ist in vielen Dörfern oft die einzige Möglichkeit, Geld auszugeben.
Wäre es nicht ein guter Deal, die immense Regulierung, unter der Krankenhäuser und Praxen leiden, die uns viel Geld und Arbeitszeit kostet, abzubauen und im selben Maß bei der Tabakindustrie wieder aufzubauen? Also den Krankmachern enge Grenzen zu setzen, nicht den Heilern? Das wäre eine echte Win-Win-Situation.