Mit rund 2600 Teilnehmerinnen und Teilnehmern, davon etwa 2300 vor Ort in Berlin, hat sich das DRG-Forum 2026 einmal mehr als zentraler Treffpunkt der deutschen Krankenhauslandschaft erwiesen. Inhaltlich stand die Veranstaltung klar im Zeichen des bevorstehenden Abschlusses des Krankenhausreformanpassungsgesetzes (KHAG) – und damit einer Reform, die von vielen als tiefgreifendste Umgestaltung des Systems seit Jahrzehnten beschrieben wurde. Zum zweiten Mal war die DKG Mitveranstalterin, mit eigener Bühne und einem eigenen Programmangebot.
Schon in der politischen Auftaktveranstaltung wurde deutlich, wie stark die Erwartungen, aber auch die Spannungen sind. In seinem Grußwort betonte der Geschäftsführer von B. Braun-Stiftung Thilo Brinkmann die Bedeutung von Interprofessionalität und Diversität als Grundpfeiler eines leistungsfähigen Gesundheitssystems. Gleichzeitig rückte er die wachsenden Anforderungen an die Resilienz der Versorgung in den Fokus – eine Herausforderung, die die aktuellen Reformdebatten noch überlagere. Fragen einer krisenfesten, im Ernstfall sogar kriegstauglichen Krankenhausversorgung und deren Finanzierung seien bislang nur unzureichend beantwortet.
„Kein befreiendes Aufatmen“
Der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Krankenhausgesellschaft, Gerald Gaß, sprach von einem überfälligen Startpunkt: „Endlich geht es jetzt auch los – es ist aber kein befreiendes Aufatmen.“ Die Branche wolle gestalten, nicht länger nur diskutieren. Gleichzeitig ordnete Gaß die Reform in einen außergewöhnlichen Kontext ein: Pandemie, Ukrainekrieg und jahrelange politische Debatten hätten das System bereits massiv belastet und auch in der Bevölkerung Verunsicherung erzeugt.
Die anstehende Transformation der Krankenhauslandschaft sei „die größte seit dem Zweiten Weltkrieg“ – und sie falle in eine Zeit, die alles andere als Routinebetrieb sei. Dennoch sei die Aufbruchstimmung spürbar. Weder anstehende Landtagswahlen noch politische Widerstände würden die Veränderungen aufhalten, so Gaß. Der demografische Wandel und der finanzielle Druck zwängen das System ohnehin zu mehr Ambulantisierung und strukturellen Anpassungen.
Länder pochen auf Gestaltungsspielraum
Hamburgs Gesundheitssenatorin Melanie Schlotzhauer stellte die enge Verbindung von Gesundheits- und Sozialpolitik heraus. Eine flächendeckende Versorgung lasse sich nur erreichen, wenn beide Bereiche zusammengedacht würden. Kritisch sieht sie vor allem Fehlsteuerungen in der Patientenlenkung.
Im Reformprozess hätten die Länder wiederholt darauf hingewiesen, dass zu viel Zentralisierung den Zielen entgegenstehen könne. Dennoch verteidigte Schlotzhauer den gefundenen Kompromiss: Ein Vermittlungsausschuss hätte aus ihrer Sicht kein besseres Ergebnis gebracht.
Konfliktpotenzial sieht sie allerdings bei der Umsetzung – etwa bei den Pflegepersonaluntergrenzen. Deren grundsätzliche Bedeutung sei unstrittig, die kurzfristige gesetzliche Verankerung in den Leistungsgruppen jedoch problematisch. Einige Länder könnten die Vorgaben bis Anfang 2027 kaum erfüllen. Zudem fordern die Länder eine fundierte Analyse der finanziellen Auswirkungen, über die der Bundesrat zeitnah beraten soll.
Auch regional unterschiedliche Folgen der Reform bleiben ein Thema. Besonders in ostdeutschen Bundesländern gebe es nachvollziehbare Sorgen über die konkreten Effekte der neuen Strukturen.
Kassen drängen auf Strukturwandel
Für den GKV-Spitzenverband machte Stefanie Stoff-Ahnis deutlich, dass der Zeitpunkt für strukturelle Veränderungen längst erreicht sei. Der Umbau laufe faktisch bereits, nun erhielten die Länder mit dem Gesetz die notwendigen Instrumente zur Steuerung.
Allerdings warnte sie davor, dass erweiterte Kooperationsmöglichkeiten zwischen Kliniken notwendige Strukturentscheidungen verzögern könnten. Gleichzeitig verwies sie auf die angespannte Finanzlage der gesetzlichen Krankenversicherung. Einsparvorschläge sollen zeitnah vorgelegt werden.
Pflegebudget als zentraler Streitpunkt
Besonders kontrovers wurde die Zukunft der Pflegefinanzierung diskutiert. Vertreter der Krankenhausträger warnten vor wachsender Unsicherheit durch die aktuellen Regelungen. Offene Fragen zur Finanzierung führten dazu, dass der Personalaufbau ins Stocken geraten könnte. Teilweise stünden bereits Forderungen nach deutlichen Budgetkürzungen im Raum.
Demgegenüber argumentierte die Kassenseite, dass das bestehende System trotz steigender Personalkosten keine spürbare Verbesserung für Pflegekräfte oder Patienten gebracht habe. Das Selbstkostendeckungsprinzip habe vor allem zu einem massiven Kostenanstieg geführt, ohne die Versorgungsqualität entsprechend zu erhöhen.
Gaß widersprach dieser Darstellung deutlich. Die Attraktivität des Pflegeberufs habe spürbar zugenommen, was sich auch in steigenden Ausbildungszahlen zeige. Gleichzeitig räumte er Reformbedarf ein: Die bisherigen Regelungen böten kaum Anreize, Personal dort anzupassen, wo Leistungen wegfallen. Künftige Modelle müssten stärker auf die tatsächliche Versorgungsrealität reagieren.
Die Träger haben zudem einen respektvolleren Umgang in der Debatte eingefordert. Pauschale Betrugsvorwürfe gegenüber Krankenhäusern beschädigten das Vertrauen und die Motivation der Beschäftigten. Stattdessen brauche es gemeinsame zukunftsorientierte Lösungen – etwa in Form prospektiver, stärker bedarfsorientierter Modelle.
Ministerin wirbt für „gestalteten Wandel“
Bundesgesundheitsministerin Nina Warken betonte in ihrer Rede, das KHAG sei kein „Elfenbeinturm-Ergebnis“, sondern greife zahlreiche Anliegen aus der Praxis auf. Ziel sei es, einen ungesteuerten Strukturwandel durch Insolvenzen zu verhindern und stattdessen eine planvolle Transformation zu ermöglichen.
Die Reform solle gewährleisten, dass sich die Bevölkerung auch künftig auf flächendeckende Notfall- und Grundversorgung verlassen könne – unabhängig davon, ob sie in städtischen oder ländlichen Regionen lebt. Zugleich würdigte Warken die Rolle der Deutschen Krankenhausgesellschaft, die den Prozess kritisch, aber konstruktiv begleitet habe.
Breites Themenspektrum, große Resonanz
Auch jenseits der großen politischen Linien zeigte das Forum die ganze Bandbreite aktueller Herausforderungen. Gut besucht waren unter anderem die Sessions zur elektronischen Patientenakte, zur psychiatrischen Versorgung sowie zur Analyse von Vergütungsfragen. Weitere Schwerpunkte lagen auf der Notfallversorgung, der Ambulantisierung und der Vorstellung des Fachkräftemonitorings 2026.
Am Ende bleibt der Eindruck eines Systems im Umbruch: Die Richtung ist vorgegeben, doch viele Details sind offen. Zwischen Aufbruchsstimmung und erheblichen Unsicherheiten wird sich in den kommenden Monaten entscheiden, ob die Reform tatsächlich das leistet, was sich Politik und Branche von ihr versprechen.