Die Beschlüsse des G-BA zur frühen Nutzenbewertung legen fest, ob und unter welchen Bedingungen die bewerteten Arzneimittel für die Versorgung zur Verfügung stehen (u.a. personelle und strukturelle Anforderungen an Vertragsärzte und ermächtigte Ärzte und Einrichtungen). Zudem bilden die Beschlüsse die Grundlage für die Festsetzung von Erstattungsbeträgen. Erstattungsbeträge besitzen unmittelbare Gültigkeit auch für die Arzneimittelversorgung im Krankenhaus. Dadurch besitzen die Beschlüsse des G-BA und die Erstattungsbeträge zunehmende Bedeutung für die Vereinbarung von Zusatzentgelten (ZE) und Entgelten für neue Untersuchungs- und Behandlungsmethoden (NUB).

1. Ibrutinib zur Behandlung von Patienten mit Mantelzell-Lymphom (MCL) sowie von Patienten mit chronischer lymphatischer Leukämie (CLL)

Ibrutinib ist als Arzneimittel zur Behandlung eines seltenen Leidens zugelassenen (sogenanntes Orphan Drug). Bei der Bewertung des Zusatznutzens unterscheidet der G-BA zwei Anwendungsgebiete, Patienten mit Mantelzell-Lymphom (MCL) (Anwendungsgebiet 1) und Patienten mit chronischer lymphatischer Leukämie (CLL) (Anwendungsgebiet 2). Im Ergebnis sieht der G-BA in beiden Anwendungsgebieten einen nicht quantifizierbaren Zusatznutzen.

Entscheidend für die Bewertung des G-BA ist die vorliegende limitierte Evidenzgrundlage. In Anwendungsgebiet 1 war eine einarmige Studie zulassungsbegründend, anhand deren Ergebnisse eine Quantifizierung des Zusatznutzens nicht valide möglich war. In Anwendungsgebiet 2 zeigten sich in der aktiv kontrollierten Zulassungsstudie zwar geringe Vorteile im Gesamtüberleben, die Ergebnisse sind jedoch bedingt durch das Studiendesign verzerrt und werden zudem nicht durch eigentlich zu erwartende Effekte in der Symptomatik oder Lebensqualität gestützt. Deswegen bewertet der G-BA den Zusatznutzen in Anwendungsgebiet 2 ebenfalls als nicht quantifizierbar.

Die Anzahl der für eine Behandlung mit Ibrutinib in Frage kommenden Patienten liegt bei ca. 8.500 Patienten. Die Jahrestherapiekosten liegen abhängig vom jeweiligen Anwendungsgebiet zwischen rund 96.000 € und 130.000 €.

2. Lurasidon zur Behandlung der Schizophrenie

Für die Bewertung eines Zusatznutzens unterscheidet der G-BA zwei Anwendungsgebiete. In Anwendungsgebiet 1 (Akuttherapie) sind die vom pharmazeutischen Unternehmer vorgelegten Studien aufgrund des beschränkten Therapieschemas in den Studien nicht zum Nachweis eines Zusatznutzens geeignet. Die in der Behandlung der Schizophrenie notwendigen Dosisanpassungen waren nicht möglich, deswegen sind die zu beobachtenden Behandlungseffekte als verzerrt anzusehen.

In Anwendungsgebiet 2 (Rückfallprophylaxe) sind die Ergebnisse der vorgelegten Studien nur sehr eingeschränkt auf den deutschen Versorgungskontext übertragbar, da im Dossier Angaben zu den in der Behandlung der Schizophrenie erforderlichen begleitenden Therapiemaßnahmen (psychotherapeutische Betreuung) fehlen. Zudem lassen sich aus den klinischen Endpunkten Rückfallrate und Schizophreniesymptomatik keine validen Aussagen zum Zusatznutzen ableiten. Daten zur Lebensqualität wurden nicht erhoben. In der Gesamtschau kommt der G-BA deshalb zum Ergebnis, dass in beiden Anwendungsgebieten ein Zusatznutzen nicht belegt ist.

Die Anzahl der für eine Behandlung mit Lurasidon in Frage kommenden Patienten liegt bei rund 250.000. Die Jahresthera-piekosten liegen abhängig vom Behandlungsmodus zwischen 2.500 € und 5.300 €.

3. Alipogentiparvovec zur Behandlung der Stoffwechselerkrankung Lipoproteinlipasedefizienz (LPLD)

Alipogentiparvovec ist als Orphan Drug zugelassen zur Behandlung von Patienten, bei denen eine familiäre Lipoproteinlipasedefizienz (LPLD) vorliegt und durch einen Gentest abgesichert ist. Alipogentiparvovec ist zudem das erste in der EU zugelassene Gentherapeutikum. Die betroffenen Patienten haben einen sehr seltenen Gendefekt, der dazu führt, dass Fette aus der Nahrung nicht richtig verarbeitet werden können. Alipogentiparvovec soll das defekte Gen im Körper ersetzen und damit die natürliche Körperfunktion wiederherstellen.

In Deutschland kommen maximal 35 Patienten für die Behandlung mit Alipogentiparvovec in Frage. Die Anwendung von Alipogentiparvovec kommt nur in hochspezialisierten Einrichtungen bzw. Praxen in Frage. Die Anwendung ist ärztlich zu überwachen und eine medizinische Notfallausrüstung muss zur Verfügung stehen. Die Kosten für die einmalige Behandlung mit Alipogentiparvovec liegen bei rund 1,3 Mio. €.

Alipogentiparvovec ist aufgrund der Seltenheit der Erkrankung und der noch unzureichenden vorliegenden Evidenz unter „außergewöhnlichen Umständen“ zugelassen. Die EU-Zulassungsbehörde EMA hat deshalb sämtliche neuen Informationen zu diesem Arzneimittel zu bewerten und falls erforderlich den Zulassungsstatus entsprechend anpassen. Kurz vor der Beschlussfassung wurde der G-BA durch den Hersteller über eine bevorstehende Befassung der EMA mit dem Arzneimittel informiert. Hintergrund war der Bericht des für die Bewertung zuständigen Rapporteurs, der nach Auswertung aktuell vorliegender Daten ein negatives Nutzen-Risiko-Verhältnis für das Präparat sieht. Eine Entscheidung der EMA wird in den nächsten Tagen erwartet. Der G-BA hat bis zum Vorliegen dieser Entscheidung die Beschlussfassung ausgesetzt. Über die weitere Beschlussfassung werden wir Sie informieren. Sollte eine Behandlung mit Alipogentiparvovec aktuell erwogen werden, ist zu empfehlen, die Entscheidung der Zulassungsbehörde zunächst abzuwarten.

Einzelheiten bitten wir den beigefügten Beschlüssen sowie der Pressemitteilung des G-BA zur Aussetzung der Beschlussfassung zu Alipogentiparvovec zu entnehmen (Anlagen 1 - 4). Weitere Dokumente, insbesondere die Tragenden Gründe, die IQWiG-Berichte und die kompletten Nutzendossiers der Hersteller können auf der Internetseite des G-BA (http://www.g-ba.de/informationen/nutzenbewertung/) abgerufen werden.