Die Maßnahmen des Gesetzes wurden im Zeitraum vom 1. Mai 2014 bis 30. September 2016 evaluiert. Das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) hatte die INTERVAL GmbH in Kooperation mit Prof. Dr. phil. Ulrike Busch, Professorin für Familienplanung an der Hochschule Merseburg, mit der Evaluation des SchwHiAusbauG beauftragt. Aufgabe der Evaluation war es, die strukturelle Implementierung, Inanspruchnahme und Wirksamkeit des Gesetzes zu untersuchen, die Möglichkeit der vertraulichen Geburt im Gesamtkontext der Schwangerschaftshilfen zu bewerten und bei Bedarf Empfehlungen zur Weiterentwicklung der Hilfen zu erarbeiten. Empirische Basis der Evaluation waren umfangreiche qualitative und quantitative Erhebungen und Sekundärdaten. Die Evaluation wurde durch einen Beirat begleitet, der die relevanten, an vertraulichen Geburten beteiligten Akteure eingebunden hat, so auch die DKG.

Die nun vorliegenden Daten aus der Evaluation zeigen, dass ein großer Teil der professionellen Akteure der Schwangerschaftsberatung und Geburtshilfe bereits zu einem relativ frühen Zeitpunkt nach Inkrafttreten des Gesetzes gut über die Regelungen zur vertraulichen Geburt informiert war und das Gesetz insgesamt auf hohe Akzeptanz gestoßen ist. Die Federführung für die Vernetzung und Kooperation der verschiedenen Akteure bei der Implementierung des Gesetzes vor Ort liegt bei den Schwangerschaftsberatungsstellen. Neben Geburtskliniken, Hebammen, Jugendämtern und Adoptionsvermittlungsstellen arbeiten sie zur Vorbereitung und Durchführung vertraulicher Geburten mit weiteren Akteuren wie Standesämtern, niedergelassenen Gynäkologinnen und Gynäkologen, anderen Beratungseinrichtungen oder Krankentransportunternehmen zusammen. Seit Inkrafttreten des SchwHiAusbauG gingen bis zum 30. September 2016 im BAFzA insgesamt 249 Herkunftsnachweise ein.

Bei rund einem Viertel der Fälle entstand der erste Kontakt der Frauen zur Beratungsstelle dadurch, dass die Frauen unmittelbar vor der Geburt eine Klinik oder ein Geburtshaus aufsuchten und diese die Beratungsstelle hinzuzog.

Aus den Evaluationsdaten geht hervor, dass die Zahl der anonymen Formen der Kindsabgabe seit Einführung der vertraulichen Geburt gesunken ist. Gemäß Bericht kann über eine Trendanalyse abgeschätzt werden, dass in 41,9 % der Fälle, bei denen ohne SchwHiAusbauG eine anonyme Form der Kindsabgabe zu erwarten gewesen wäre, die vertrauliche Geburt als Alternative genutzt wurde. Der Rückgang von anonymen Formen der Kindsabgabe bedeutet zugleich einen Rückgang medizinisch unbegleiteter Geburten und den damit verbundenen Risiken für die Gesundheit oder das Leben des Kindes und der Frau. Daneben ist festzustellen, dass ein großer Teil der Frauen mit Anonymitätswunsch noch nicht erreicht bzw. für eine vertrauliche Geburt gewonnen wird und weiterhin eine anonyme Geburt, anonyme Arm-in-Arm-Übergabe oder die Abgabe des Kindes in einer Babyklappe wählt. Die Ergebnisse scheinen dafür zu sprechen, dass nicht Informationsdefizite die Ursache hierfür sind, sondern es den anonym bleibenden Frauen die anonymen Formen der Kindsabgabe persönlich vorteilhafter erscheinen als eine vertrauliche Geburt. Möglicherweise können sie sich nicht darauf einlassen, dass ggf. nicht nur ihr Kind, sondern auch das soziale Umfeld nach 16 Jahren ihre Identität erfährt. Die vertraulichen Geburten verteilen sich mit durchschnittlich 8,6 Fällen pro Monat relativ gleichmäßig in der Zeit. Deutlich geworden sind regionale Unterschiede, deren Ursachen sich nicht eindeutig bestimmen ließen.

Insgesamt wird die Implementierung des SchwHiAusbauG als sehr positiv bewertet. Das Zusammenspiel der Akteure ermöglichte offenbar, dass schon unmittelbar nach Inkrafttreten des Gesetzes erste vertrauliche Geburten umgesetzt werden konnten und deren Abläufe bis auf einzelne Ausnahmen dem Konzept und den Intentionen des Gesetzgebers entsprachen. Dass die zu einer vertraulichen Geburt beratenen Frauen sich häufiger für eine reguläre als für eine vertrauliche Geburt entscheiden, würde auch dafür sprechen, dass das Beratungskonzept des SchwHiAusbauG wirksam ist.

Mit der vertraulichen Geburt wurde also eine rechtlich geregelte Alternative zu den anonymen Formen der Kindesabgabe geschaffen, was auch von Anbietern dieser anonymen Formen mehrheitlich positiver bewertet wird. Trotzdem halten sie ihre anonymen Angebote aufrecht, die auf eine weiterhin hohe Nachfrage von Frauen mit Anonymitätswunsch stoßen. Die Frage, wie zukünftig mit diesen – den Rechten des Kindes nicht entsprechenden – anonymen Angeboten umgegangen werden sollte, kann gemäß Evaluationsbericht nicht aus den empirisch zu ermittelnden Daten abgeleitet und beantwortet werden. Die Zukunft dieser anonymen Angebote ist eine politische Frage, dem schließt sich die DKG an. Auch aus Sicht der DKG kann allen Beteiligten vor Ort nur empfohlen werden, ihre Bemühungen zu forcieren, über eine fortgesetzt hohe oder gesteigerte Beratungsqualität und Vernetzung die Zahl anonymer Kindsabgaben noch stärker zu reduzieren.

Die Publikation stellt die Ergebnisse dieser Evaluation dar und ist unter dem folgenden Link einzusehen:

https://www.bmfsfj.de/bmfsfj/service/publikationen/evaluation-zu-den-auswirkungen-aller-massnahmen-und-hilfsangebote--die-auf-grund-des-gesetzes-zum-ausbau-der-hilfen-fuer-schwangere-und-zur-regelung-der-vertraulichen-geburt-ergriffen-wurden/117410