Der Gemeinsame Bundesauschuss (G-BA) hat am 29. März 2012 sechs Beschlüsse zur frühen Nutzenbewertung von Arzneimitteln nach § 35a SGB V einstimmig getroffen. Die Beschlüsse betreffen die Arzneimittel Abirateronacetat (Zytiga®), Cabazitaxel (Jevtana®), Fingolimod (Gilenya®), Telaprevir (Incivo®), Linagliptin (Trajenta®) und Regadenoson (Rapiscan®).

Nach dem 5. Kapitel § 20 Abs. 3 der G-BA-Verfahrensordnung trifft der G-BA mit den Beschlüssen zur frühen Nutzenbewertung Feststellungen zur wirtschaftlichen Verordnungsweise des Arzneimittels, insbesondere zum Zusatznutzen im Verhältnis zur zweckmäßigen Vergleichstherapie, zur Anzahl der Patienten der für die Behandlung in Frage kommenden Patientengruppen, zu Anforderungen an eine qualitätsgesicherte Anwendung und zu den Therapiekosten, auch im Verhältnis zur zweckmäßigen Vergleichstherapie. Die Beschlüsse des G-BA stellen den therapeutischen Stellenwert der neu zugelassenen Arzneimittel fest und bilden die Grundlage für die jetzt beginnenden Erstattungspreisverhandlungen zwischen dem GKV-Spitzenverband und den pharmazeutischen Unternehmen.


1. Abirateronacetat (Zytiga®) zur Behandlung des metastasierten Prostatakarzinoms

Abirateronacetat wird eingesetzt zur Behandlung des metastasierten kastrationsresistenten Prostatakarzinoms, bei erwachsenen Männern, deren Erkrankung während oder nach einer Docetaxel-haltigen Chemotherapie progredient ist. Der G-BA hat für die Bewertung zwei verschiedene zweckmäßige Vergleichstherapien festgelegt. Für die Patienten, die während oder nach einer Docetaxel-haltigen Chemotherapie progredient sind und für die eine erneute Behandlung mit Docetaxel nicht mehr in Frage kommt, wurde „Best Supportive Care“ als zweckmäßige Vergleichstherapie bestimmt (im Folgenden Population a). Für die Patienten, die nach einer Docetaxel-haltigen Chemotherapie progredient sind, aber grundsätzlich noch für eine Docetaxel-haltige Chemotherapie in Frage kommen, wurde Docetaxel als zweckmäßige Vergleichstherapie bestimmt (im Folgenden Population b).

Für die Population a), die näherungsweise 80 bis 90% der von der Zulassung umfassten Patientengruppe ausmacht, konnte Abirateron (Zytiga®) eine deutliche Verbesserung des Gesamtüberlebens im Vergleich zu Best Supportive Care, bei recht guter Verträglichkeit erzielen. Für die Population a) kommt der G-BA daher im Beschluss zu folgender Bewertung des Zusatznutzens: Hinweis auf einen beträchtlichen Zusatznutzen.

Für die Population b) konnte aufgrund unvollständiger Angaben im vom pharmazeutischen Unternehmer eingereichten Dossier keine Bewertung vorgenommen werden. Somit wurde für diese Population die gesetzliche Anforderung, alle erforderlichen Nachweise vollständig vorzulegen, nicht erfüllt und die nach § 35a Abs. 1 Satz 5 SGB V vorgegebene Rechtsfolge, „dass der Zusatznutzen als nicht belegt gilt“ tritt ein.


2. Cabazitaxel (Jevtana®) zur Behandlung des mormonrefraktären metastasierten Prostatakarzinoms

Cabazitaxel ist angezeigt zur Behandlung von Patienten mit hormonrefraktärem metastasiertem Prostatakarzinom, die mit einem Docetaxel-basierten Therapieschema vorbehandelt sind. Der G-BA hat aufgrund des analogen Anwendungsgebietes zu Abirateron für beide Substanzen die gleichen zweckmäßigen Vergleichstherapien festgelegt. Für die Patienten, die während oder nach einer Docetaxel-haltigen Chemotherapie progredient sind und für die eine erneute Behandlung mit Docetaxel nicht mehr in Frage kommt, wurde „Best Supportive Care“ als zweckmäßige Vergleichstherapie bestimmt (im Folgenden Population a). Für die Patienten, die nach einer Docetaxel-haltigen Chemotherapie progredient sind, aber grundsätzlich noch für eine Docetaxel-haltige Chemotherapie in Frage kommen, wurde Docetaxel als zweckmäßige Vergleichstherapie bestimmt (im Folgenden Population b).

Auch Cabazitaxel (Jevtana®) konnte im Vergleich zu „Best Supportive Care“ eine deutliche Verbesserung des Gesamtüberlebens erzielen. Allerdings zeigt sich auch ein erhöhtes Risikoprofil aufgrund z.B. statistisch signifikant erhöhter Raten für schwerwiegende unerwünschte Ereignisse und für tödlich verlaufende unerwünschte Ereignisse. Weiterhin wurden bei über 80% der Patienten im Cabazitaxel-Arm eine Neutropenie des CTCAE (Common Terminology Criteria for Adverse Events)-Schweregrads von 3 oder höher (basierend auf Laborwerten) beobachtet. Für die Bewertung ist weiterhin zu beachten, dass in der Zulassungsstudie regelhaft im Vergleichsarm Mitoxantron eingesetzt wurde. Mitoxantron ist eine zytotoxische Therapie, die auch im Rahmen der Best Supportive Care eine Therapieoption darstellen kann, die jedoch nicht regelhaft anzuwenden ist. Diese Tatsache ist insbesondere für die Bewertung der Nebenwirkungen zu beachten. Bezüglich der Lebensqualität der Patienten wurden keine Daten vorgelegt. Der G-BA ist der Auffassung, dass hier zur Bewertung des Zusatznutzens den positiven Effekten auch die Nebenwirkungen gegenüberzustellen sind.
In der Gesamtbewertung kommt der G-BA daher im Beschluss für die Population a) zu folgender Bewertung des Zusatznutzens: Hinweis auf einen geringen Zusatznutzen.

Für die Population b) hat der pharmazeutische Unternehmer keinen Zusatznutzen geltend gemacht. Er sieht die Population a) als eigentliche Zielpopulation seines Arzneimittels. In der Gesamtbewertung kommt der G-BA daher für die Population b) zu folgender Bewertung des Zusatznutzens: Der Zusatznutzen gilt im Verhältnis zur zweckmäßigen Vergleichstherapie als nicht belegt.


3. Fingolimod (Gilenya®) zur Behandlung von hochaktiver schubförmig verlaufender Multipler Sklerose (RRMS)

Fingolimod (Gilenya®) ist als Monotherapie von hochaktiver schubförmig verlaufender Multipler Sklerose bei Patienten mit hoher Krankheitsaktivität trotz Behandlung mit einem Beta-Interferon (INF-ß) sowie bei Patienten mit rasch fortschreitender schwerer schubförmig-remittierend verlaufender Multipler Sklerose angezeigt. Der G-BA hat für die Bewertung drei verschiedene zweckmäßige Vergleichstherapien festgelegt. Für Patienten mit hochaktiver schubförmig-remittierender Multipler Sklerose (RRMS) wurde als zweckmäßige Vergleichstherapie Glatirameracetat bestimmt (Population a). Für Patienten, die noch keine ausreichende Therapie mit INF-ß erhalten haben, wurde als zweckmäßige Vergleichstherapie IFB-ß (1a oder 1b) festgelegt (Population b). Für Patienten mit rasch fortschreitender schwerer schubförmig-remittierend verlaufender Multipler Sklerose wurde als zweckmäßige Vergleichstherapie IFN-ß (1a oder 1b) herangezogen (Population c).

In seinem Beschluss kommt der G-BA zum Ergebnis, dass lediglich für die Patientenpopulation c) ein Anhaltspunkt für einen geringen Zusatznutzen vorliegt. Der G-BA sieht darüber hinaus die Ergebnisse auf Basis der vorhandenen Datenlage mit einer größeren Unsicherheit behaftet und macht deshalb von der gesetzlich vorgegebenen Möglichkeit Gebrauch, den Beschluss zur frühen Nutzenbewertung zu befristen. Der Hersteller wird somit verpflichtet, bis zum Ablauf der festgesetzten dreijährigen Frist neues Erkenntnismaterial aus klinischen Studien vorzulegen.


4. Telaprevir (Incivo®) zur Behandlung der chronischen Hepatitis C (Genotyp 1)

Telaprevier ist in Kombination mit Peginterferon alfa und Ribavirin zur Behandlung der chronischen Hepatitis C vom Genotyp 1 bei erwachsenen Patienten mit kompensierter Lebererkrankung indiziert. Der G-BA hat als zweckmäßige Vergleichstherapie Peginterferon plus Ribavarin festgelegt.

Der G-BA kommt in seinem Beschluss zum Ergebnis, dass für Telaprevir ein Hinweis auf einen Zusatznutzen vorliegt, das Ausmaß des Zusatznutzens aber nicht quantifizierbar ist. Dies begründet der G-BA damit, dass das dauerhafte virologische Ansprechen (SVR) patientenrelevant und damit grundsätzlich auch quantifizierbar ist. In den Patientengruppen der therapienaiven und therapieerfahrenen Patienten, für die jeweils ein Zusatznutzen festgestellt wurde, ist aber auch die Gruppe der Patienten mit Ko-Infektionen und mit Zirrhose enthalten. Für diese Patientengruppen liegen keine ausreichenden Daten zur Bewertung des Zusatznutzens vor, so dass der G-BA in der Gesamtschau zwar einen Zusatznutzen von Telaprevir feststellt, das Ausmaß des Zusatznutzens jedoch nicht quantifiziert.


5. Linagliptin (Trajenta®) zur Behandlung von Patienten mit Diabetes mellitus Typ 2

Linagliptin ist ein orales Antidiabetikum aus der Gruppe der Gliptine. Aufgrund der Entscheidung der pharmazeutischen Unternehmer hat das Produkt zwar die Nutzenbewertung durchlaufen, wurde allerdings direkt mit Markteinführung in Deutschland wieder außer Vertrieb gesetzt und steht damit nicht zur Therapie zur Verfügung.

Der G-BA hat in seinem Beschluss festgestellt, dass die erforderlichen Nachweise zur Bewertung des Zusatznutzens im Dossier nicht vollständig vorgelegt worden sind und deshalb der Zusatznutzen als nicht belegt gilt. Dies ist damit begründet, dass der Hersteller von der durch den G-BA bestimmten zweckmäßigen Vergleichstherapie bei der Erstellung des Dossiers abgewichen ist und für die zweckmäßige Vergleichstherapie im Dossier keine vollständigen Angaben vorgelegt hatte. Der G-BA hatte als zweckmäßige Vergleichstherapie in der Monotherapie Sulfonylharnstoff (Glibenclamid, Glimepirid) bestimmt, was der durch den Hersteller in der Zulassungsstudie gewählten Vergleichstherapie entspricht. Der Hersteller ist von der durch den G-BA im Beratungsverfahren festgelegten Vergleichstherapie aber abgewichen und konnte dafür keine hinreichende Begründung vorbringen. Der Hersteller hat nun die Möglichkeit, frühestens nach einem Jahr eine erneute Nutzenbewertung unter Vorlage eines vervollständigten Dossiers beim G-BA zu beantragen.


6. Regadenoson (Rapiscan®) als pharmakologischer Stressauslöser für Myokardperfusionsaufnahmen (MPI)

Regadenoson wird als pharmakologischer Stressauslöser für Myokardperfusionsaufnahmen mit Radionukliden bei erwachsenen, nicht ausreichend körperlich belastbaren Patienten angewendet. Da der Hersteller trotz Aufforderung die erforderlichen Nachweise für die Nutzenbewertung nicht vollständig vorgelegt hatte, gilt der Zusatznutzen als nicht belegt. Der Hersteller hat nun ebenfalls die Möglichkeit, nach einem Jahr ein vervollständigtes Dossier beim G-BA vorzulegen und eine erneute Nutzenbewertung zu beantragen.


Die Beschlüsse inklusive der Tragenden Gründe und der zusammenfassenden Dokumentation können auf den Internetseiten des G-BA (http://www.g-ba.de/informationen/nutzenbewertung/) abgerufen werden.